„So gelingt Medienkompetenz!“

Sales Insights im Gespräch mit Nana Siebert:

Liebe Nana, vielen Dank, dass du dir heute für uns Zeit nimmst, um unseren Newsletter-Leser:innen einen Einblick in deine Arbeit und das redaktionelle Umfeld des STANDARD zu geben!

 

Nana Siebert,

stellvertretende STANDARD-Chefredakteurin
(Foto: Heidi Seywald)

Medienkompetenz ist derzeit in aller Munde. Warum ist das Thema aus deiner Sicht heute wichtiger denn je?

Weil wir in einer paradoxen Situation leben: Wir hatten noch nie so viel Wissen in der Hosentasche – und noch nie war es so einfach, uns in die Irre zu führen.

Früher musste man Desinformation aufwendig produzieren. Heute reichen Sekunden für Bilder, Videos oder Nachrichten, die täuschend echt aussehen. Gleichzeitig beziehen immer mehr Menschen ihre Informationen aus Feeds, die nicht nach Relevanz sortieren, sondern nach Aufmerksamkeit. Empörung schlägt Einordnung leider ziemlich zuverlässig.

Medienkompetenz ist deshalb keine nette Zusatzqualifikation mehr, sondern eine demokratische Grundkompetenz. Wir müssen verstehen, wer uns etwas erzählt, warum wir es sehen und woher eine Information kommt. Und vielleicht ist die wichtigste Fähigkeit, einen Moment auszuhalten und zu sagen: Ich weiß es noch nicht. Ich schau lieber noch einmal nach.

Wie ist die Idee entstanden, dass DER STANDARD nicht nur über Desinformation und Mediennutzung berichtet, sondern selbst aktiv Medienkompetenz vermittelt?

Eigentlich aus einer sehr journalistischen Überlegung heraus: Wenn man ein Problem immer wieder beschreibt, kommt irgendwann die Frage, was man mit dem eigenen Wissen zur Lösung beitragen kann.

Wir beschäftigen uns im STANDARD jeden Tag damit, Quellen zu prüfen, Bilder zu verifizieren, Behauptungen gegenzuchecken und zwischen Information und Meinung zu unterscheiden. Für Journalistinnen und Journalisten ist das Handwerk. Für Menschen außerhalb einer Redaktion ist dieses Wissen aber mindestens genauso wertvoll.

Begonnen haben wir deshalb schon 2024 mit Fortbildungen für Lehrkräfte gemeinsam mit der Pädagogischen Hochschule Wien. Daraus ist Schritt für Schritt unsere Initiative „Zukunft Medienkompetenz – #FaktenbrauchenVerbündete entstanden. Gemeinsam mit ORF und Ö3 und in Kooperation mit dem Bildungsministerium und A1 haben wir den „Tag der Medienkompetenz“ veranstaltet: parallel dazu unseren digitalen Medienkompetenz-Hub mit Materialien für Unterricht und Weiterbildung gelauncht.

Dabei wollen wir niemandem erklären, was er oder sie glauben soll. Das wäre das Gegenteil von Medienkompetenz. Wir wollen Werkzeuge vermitteln, mit denen Menschen zu einem möglichst gut begründeten eigenen Urteil kommen. Genau darin sehe ich auch eine Aufgabe von Qualitätsjournalismus.

Mit dem „Tag der Medienkompetenz“ wurden Lehrkräfte aus ganz Österreich angesprochen.  Was waren für dich die wichtigsten Erkenntnisse aus dem Austausch mit den Teilnehmern?

Zunächst einmal die enorme Nachfrage. Die 100 Plätze waren praktisch sofort vergeben, die Veranstaltung deutlich überbucht. Das zeigt, wie groß der Bedarf ist.
Noch wichtiger war für mich aber etwas anderes: Lehrer erleben diese Veränderungen jeden Tag ungefiltert im Klassenzimmer. Deepfakes, TikTok-Videos, Verschwörungserzählungen, Cybermobbing – das sind für sie keine abstrakten Debatten über „die digitale Gesellschaft“. Das sitzt am Montagmorgen in der dritten Reihe.
Gleichzeitig war die Bereitschaft, sich damit auseinanderzusetzen, enorm. Ein Satz, den uns eine Lehrerin auf die Feedback-Wand geschrieben hat, ist mir besonders geblieben: „Mit wenig gekommen, mit viel gegangen.“ Ein schöneres Kompliment kann man für so ein Projekt eigentlich kaum bekommen.
Und ich habe gelernt: Wir dürfen Schulen mit dieser Aufgabe nicht alleinlassen. Medienkompetenz kann nicht noch ein gesellschaftliches Problem sein, das man vor der Schultür abstellt und sagt: Bitte bis zur Matura lösen. Es braucht Lehrkräfte, Eltern, Medien, Politik und Unternehmen – und vor allem gute Werkzeuge. Deshalb eben: #FaktenbrauchenVerbündete.

Viele Menschen informieren sich heute hauptsächlich über soziale Medien. Wo siehst du aktuell die größten Herausforderungen im Umgang mit Nachrichten und Informationen?

Die größte Herausforderung ist für mich nicht der einzelne Fake, sondern die Informationsarchitektur, in der wir uns bewegen.

Ein Kriegsvideo neben einem Katzenvideo, eine seriöse Nachricht neben Werbung, ein wissenschaftlicher Befund neben der Meinung eines sehr selbstbewussten Menschen – alles wird erschreckend gleichwertig dargestellt. Und der Algorithmus liefert uns nicht unbedingt das Wichtigste, sondern das, woran wir wahrscheinlich hängenbleiben.

Dazu kommt die Geschwindigkeit. Oft reagieren wir emotional, bevor wir überhaupt gefragt haben, ob etwas stimmt. Medienkompetenz heißt deshalb auch, den eigenen Reflexen ein bisschen zu misstrauen. Wenn mich etwas sofort wahnsinnig wütend macht oder hundertprozentig in meiner Meinung bestätigt, ist das vielleicht gerade der Moment, genauer hinzuschauen.

Unser Gehirn ist eben leider kein automatischer Faktenchecker. Eher ein sehr begeisterungsfähiger Praktikant.

Neben Lehrkräften richtet sich die Initiative mittlerweile auch an Lehrlinge und junge Arbeitnehmer:innen. Warum ist es dir wichtig, gerade diese Zielgruppe zu erreichen?

Lehrlinge treffen sehr früh eigenständige Entscheidungen: finanziell, beruflich, gesellschaftlich. Gleichzeitig bewegen sie sich selbstverständlich in digitalen Räumen, in denen ihnen Krypto-Versprechen, Fake-Gewinnspiele, manipulierte Videos, politische Botschaften oder vermeintliche Expertinnen und Experten begegnen.

Umso mehr freut mich, dass Unternehmen hier Verantwortung übernehmen. Mit der SPAR-Akademie haben wir mit 130 Lehrlingen in fünf Workshops ganz konkret an solchen Alltagssituationen gearbeitet. Und auch die Wiener Stadtwerke waren von Beginn an dabei: Dort haben wir ebenfalls über 100 Lehrlinge erreicht und gemeinsam daran gearbeitet, wie man sich in einer immer komplexeren Informationswelt sicherer bewegt. Beide Kooperationen zeigen für mich, dass Medienkompetenz heute genauso in eine zeitgemäße Ausbildung gehört wie berufliches Fachwissen.

Besonders bestärkt hat uns auch das Feedback aus der Praxis: Die SPAR-Ausbildner haben die Workshops didaktisch und pädagogisch als ausgezeichnet bewertet, und auch von den Jugendlichen selbst kamen sehr hohe Zustimmungswerte. Das ist für uns wichtig, denn wir wollen nicht nur die richtigen Themen vermitteln, sondern junge Menschen damit auch wirklich erreichen.

Denn Informationen einordnen, Manipulationsversuche erkennen und selbstbestimmt Entscheidungen treffen zu können, brauchen junge Menschen im Arbeitsleben – aber genauso als Konsument und als Bürger.

Bei den Workshops für Lehrlinge sprecht ihr von „digitaler Selbstverteidigung“. Was steckt hinter diesem Begriff und warum trifft er den Kern der Initiative so gut?

Ich mag den Begriff, weil er klarstellt: Es geht nicht darum, Angst vor dem Internet zu machen. Es geht darum, sich darin sicher und selbstbestimmt bewegen zu können.

Digitale Selbstverteidigung bedeutet zum Beispiel: einen Betrugsversuch erkennen, bevor man klickt. Prüfen, ob ein Bild wirklich dort entstanden ist, wo es angeblich entstanden sein soll. Verstehen, warum einem ein Algorithmus bestimmte Inhalte immer wieder zeigt. Wissen, was man bei Cybermobbing tun kann. Oder bei einer sensationellen Behauptung nicht sofort auf „Teilen“ drücken.

Wir bringen den Lehrlingen dafür journalistische Werkzeuge bei – Quellenprüfung, Verifikation, kritisches Lesen –, übersetzen sie aber in ihren Alltag.

Und dafür braucht man weder ein abgeschlossenes Publizistikstudium noch zehn Browserfenster. Oft helfen schon drei Fragen: Wer sagt das? Woher kommt die Information? Kann ich sie unabhängig überprüfen?

Das ist digitale Selbstverteidigung. Ganz ohne schwarzen Gürtel.

Künstliche Intelligenz macht es immer einfacher, Inhalte zu manipulieren oder täuschend echt zu erstellen.
Welche Kompetenzen werden künftig entscheidend sein, um Fakten von Fiktion zu unterscheiden?

Wir müssen uns von der Vorstellung verabschieden, dass wir Fakes künftig zuverlässig daran erkennen werden, dass irgendwo ein Finger zu viel ist oder ein Schatten falsch fällt. Diese Phase ist vorbei.

Entscheidend wird deshalb sein, den Kontext zu überprüfen: Woher stammt ein Bild oder Video? Wer hat es zuerst veröffentlicht? Gibt es andere Aufnahmen? Berichten vertrauenswürdige Quellen darüber? Lässt sich die Behauptung unabhängig bestätigen?
Dabei ist KI nicht nur Teil des Problems, sondern auch Teil des Werkzeugkastens. Natürlich nutzen wir solche Tools im STANDARD selbst strategisch – etwa für Datenanalysen oder zur Unterstützung bei Recherchen. Die entscheidende Kompetenz bleibt aber, zu wissen, wann und wie man Technologie einsetzt – und wann man ihr misstrauen sollte.
Und wir brauchen etwas, das schwerer zu erlernen ist als jedes Verifikationstool: die Bereitschaft zu sagen, ich könnte mich irren. Das Ziel ist aber nicht, nichts mehr zu glauben. Sondern gute Gründe dafür zu haben, was man glaubt.

DER STANDARD zählt zu den vertrauenswürdigsten Medien Österreichs. Welche Verantwortung haben Qualitätsmedien deiner Meinung nach, wenn es darum geht, Medienkompetenz und demokratische Werte zu stärken?

Eine sehr große. Gerade Vertrauen darf man nicht wie einen Pokal in eine Vitrine stellen. Man muss es jeden Tag neu verdienen.

Dazu gehört für mich auch, transparenter zu machen, wie Journalismus eigentlich arbeitet: Quellen prüfen, Behauptungen hinterfragen, unterschiedliche Perspektiven einholen, zwischen Wissen und Vermutung unterscheiden und Fehler korrigieren. Das ist unser journalistisches Handwerk – aber eigentlich auch ein ziemlich guter Werkzeugkasten für den Umgang mit Wirklichkeit. Genau dieses Handwerkszeug wollen wir mit unserer Initiative weitergeben.

Denn Qualitätsmedien stärken Demokratie nicht, indem sie den Menschen die „richtige Meinung“ liefern. Ganz im Gegenteil. Demokratie braucht Menschen, die widersprechen, abwägen und sich selbst ein Urteil bilden können – aber auf Basis von Fakten, über die wir uns zumindest verständigen können.

Wenn du fünf Jahre in die Zukunft blickst: Woran würdest du erkennen, dass sich die Medienkompetenz in Österreich nachhaltig verbessert hat?

Nicht daran, dass niemand mehr auf einen Fake hereinfällt. Das wird nie passieren – mir übrigens auch nicht. Medienkompetenz bedeutet nicht Unfehlbarkeit.

Ich würde es daran erkennen, dass Quellenprüfung selbstverständlicher geworden ist. Dass Jugendliche bei einem viralen Video automatisch fragen: Woher kommt das? Dass Lehrkräfte sich im Umgang mit neuen digitalen Phänomenen sicherer fühlen und Unternehmen Medienkompetenz in der Ausbildung mitdenken. Und dass wir Erwachsenen genauso selbstverständlich dazulernen – denn Fake News sind ganz sicher kein Jugendproblem.

Vor allem wünsche ich mir, dass wir stärker zwischen Skepsis und Zynismus unterscheiden. Skepsis sagt: „Zeig mir die Belege.“ Zynismus sagt: „Man kann ohnehin niemandem glauben.“ Das eine ist Medienkompetenz. Das andere macht uns manipulierbar.

Wenn in fünf Jahren vor dem Weiterleiten einer sensationellen Nachricht öfter der Satz fällt: „Moment, ich schau kurz nach“, wäre ich schon ziemlich glücklich.

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